Reportage Costermano

Sie waren nie verschwunden

50 Jahre Kriegsgräberstätte Costermano

COSTERMANO/ITALIEN. Costermano ist ein idyllischer Ort, nicht weit vom Gardasee entfernt. Steigt man einen kleinen Berg südlich des Ortes hoch, bietet sich ein beeindruckender Rundumblick. Im Norden die Alpen, Weinberge und Zypressen im Osten und Süden, im Westen der Gardasee. Auf diesem Bergrücken liegt die deutsche Kriegsgräberstätte Soldatenfriedhof, auf der fast 22 000 Gefallene ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Schon die große Zahl der internationalen Vertreter aus Australien, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Nepal, Neuseeland, Ungarn und den Vereinigten Staaten machte deutlich, dass dies ein besonderer Gedenktag war, der vor allem durch die Gemeinsamkeit des Gedenkens geprägt war. Neben Menens Oberbürgermeisterin Martine Fournier und dem Westflandrischen Gouverneur Carl Decaluwé traten dabei Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan sowie Michael Häusler als Vertreter der deutschen Botschafters vor den belgischen Verteidigungsminister Steven Vandeput und die anwesenden internationalen Gäste. Deutschlands Botschafter Rüdiger Lüdeking, der ebenfalls an dem Gedenken teilnehmen wollte, konnte leider durch die vom Sturmtief Xaver verursachten Verkehrsprobleme nicht anreisen.

Blumen gegen das Vergessen

Für den Nachmittag des 5. August 2017 werden viele Menschen auf dem Friedhof Costermano erwartet. Familienangehörige der Gefallenen, aber auch deutsche und italienische Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Militär sowie Jugendliche eines internationalen Workcamps des Volksbundes gedenken der Toten dort, sie legen Kränze und Blumen nieder. Auch an den Gräbern der unbekannten Soldaten, zu denen nur selten jemand geht, stehen heute Blumensträuße. Rund tausend Gräber sind mit Blumensträußen geschmückt. Anlass für die Gedenkveranstaltung ist der 50. Jahrestag der Eröffnung der Kriegsgräberstätte Costermano.

Dr. Stefano Passarini, der Bürgermeister von Costermano sul Garda lässt keinen Zweifel an der Wirkung des Soldatenfriedhofs. "Die Gedenkstätte ist für uns alle auch ein Mahnmal: nie wieder Krieg! Kriege sind sinnlose Tragödien - auch die, die uns heute nur als weit entfernte Episoden erscheinen. Das Böse und die Gewalt, wenn auch in anderer Form, kehren zurück. Aber vielleicht sollte man besser sagen: Sie waren niemals verschwunden..."

Wie geht man mit denen um, die schuldig geworden sind?

Das Böse - und wie man damit umgeht - ist ein passendes Stichwort für den Soldatenfriedhof in Costermano sein. Der Friedhof stand lange in der Kritik. Denn man weiß, dass dort auch SS-Funktionäre liegen, die verantwortlich an der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung im besetzten Polen und in Italien mitgewirkt haben. Der Volksbund setzt sich damit auseinander und informiert Besucherinnen und Besucher der Kriegsgräberstätte auf Texttafeln: 'Die hier liegenden Toten mahnen uns zu Frieden und Versöhnung. Auch die Schuldigen, die hier begraben sind, mögen ihre letzte Ruhe finden, obwohl sie unaussprechliches Leid über viele Menschen und ihre Familien gebracht haben. Ihre Verbrechen sind uns jedoch zugleich Aufforderung, aus der Geschichte zu lernen und auch unter schwierigen Umständen stets für die Achtung der Menschenrechte und -würde einzutreten'.

Wie geht man mit denen um, die schuldig geworden sind? Kann man in einem Krieg überhaupt unschuldig bleiben? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Prof. Rolf Wernstedt in seiner Gedenkrede:

"(... ) Der Nationalsozialismus hatte zwar nie eine demokratische Legitimation, aber als der II. Weltkrieg mit der Überfall auf Polen eroberungssüchtig und völkermörderisch angezettelt wurde, war es für einen demokratischen Widerspruch, geschweige denn Widerstand zu spät. Von den einfachen Soldaten, auch denen, die hier liegen, konnte man während des Krieges gar nichts anderes erwarten als Gehorsam. (...) Etwas ganz anderes ist die Frage, wer für tatsächlich auch in Italien begangene Kriegsverbrechen verantwortlich ist und was man zum Einsatz von SS-Angehörigen, die ausschließlich zu Mordzwecken nach Italien geschickt worden sind und hier umgekommen sind und auf diesem Friedhof liegen, sagt. (...) Die Trauer und der Respekt, die wir der Masse der Soldaten schulden, schließt diese nicht ein."

Erinnerung darf kein fernes Echo sein

„Heute geht es um Mitleid, Trauer, Erinnerung und Gebet" betont Gioacchino Alfano aus dem italienischen Verteidigungsministerium und begrüßt besonders die Familienangehörigen der Gefallenen, die aus Deutschland nach Costermano gereist sind. In seinem Totengedenken fordert er, dass Erinnerungen nicht in Vergessenheit geraten dürften. Bei der jüngeren Generation soll diese Erinnerung aufgefrischt wer­den, sie dürfe nicht nur ein fernes Echo sein. Wie das funktionieren kann, zeigen die Workcamps, die jedes Jahr auf dem Friedhof stattfinden. Jugendliche aus verschiedensten Ländern pflegen gemeinsam die Gräber von Menschen, die kaum älter waren, als sie eines gewaltsamen Todes starben. Auch so lernen Jugendliche Geschichte und vor allem - aus der Geschichte. Durch diese Arbeit lernen sie sich gegenseitig kennen, schätzen, schließen Freundschaften über Gräber und Grenzen hinweg.